Wer glücklich sein will
Muss zufrieden sein können
Und wann zufrieden man ist
Bestimmt man stets selbst
Altes Sprichwort
Glück. Na wie jetzt? Ist doch das Gegenteil von Pech, oder? Leider ist es nicht ganz so einfach. Und bedarf daher einer kurzen Begriffsklärung. Wie nämlich zu sehen, ist - im Deutschen - klar zu unterscheiden zwischen Glück haben - im Sinne von Schwein haben - und im Glück sein, also glücklich sein. Diese Unterscheidung wird in der dem Deutschen bisweilen erschreckend ähnlichen, weil eng verwandten englischen Sprache durch die beiden Wörter fortune (Fortuna lässt grüßen) oder auch luck (das sich vom Wort Glück nur durch den fehlenden Buchstaben G unterscheidet) und happiness ausgedrückt. Wobei mit happiness das Glücklichsein gemeint ist.
Happiness. Das ist doch mal n Wort. Da denkt man gleich an Let the Sunshine in. Im Gegensatz dazu: Glück. Ähem. Na ja. Ein wenig angestaubt vielleicht. Mal unter § 42, Abschnitt V F-S nachsehen. Wo sich andere Wörter tummeln, die nur der Bedeutung nach das sind, was wir Deutschen sie auszudrücken bestimmt haben. Froh (engl. glad) ist so ein Wort. Noch besser Frohsinn. Klingt wie zwangsverordnete Bespaßung. Apropos, Spaß. Das ist auch so ein Wort. Schlimmer gehts nicht. Spaß. Juchu. Da fall ich vor Freude fast vom Stuhl, wenn ich das höre. Wie anders klingt hingegen: Fun? Fun, Fun, Fun! Alter, hol Dein Surfbrett, wir feiern ne Party am Strand. Echt jetzt. Wundert sich wirklich jemand über all die Anglizismen in unserer Sprache?
Und dennoch ist der Satz um den es in diesem Artikel geht, meiner Meinung nach um einiges tiefer als seine englische Entsprechung: Ich bin glücklich.
(Jetzt mal ehrlich: I am happy oder was?)
Was aber bedeutet das, glücklich sein? Im Artikel zur Freude hab ich ja, glaube ich, schon erwähnt, dass ich denke, dass Freude ein lautes Gefühl ist, das man mit anderen teilen kann. Und das man meines Erachtens auch immer als Reaktion auf etwas empfindet. Beim Glücklichsein ist das anders, denke ich. Weil es eher einem Zustand gleichkommt als einem konkreten, an eine bestimmte Sache oder Situation gebundenen Gefühl. Weshalb es sich in dieser Hinsicht - mehr oder minder - von allen bislang behandelten Gefühlen unterscheidet. Und, ich glaube, etwas ist, dass man allein, still, für sich empfindet. Fühlt.
Was aber macht mich glücklich? Ich kann sagen, dass meine Beziehung mich wirklich glücklich macht. Glücklich sein lässt. Was nicht heißt, dass meine Freundin und ich uns nicht streiten. Oder uns andauernd Rosen schenken oder sonst irgendwelches Pretty-Woman-Gedusel praktizieren. Leider - oder vielleicht natürlicherweise - wird der generelle Zustand der (intakten) Partnerschaft meistens vom Tagesgeschäft überlagert. Man hat einfach nicht immer die Zeit, bewusst zu sein. Sich der Dinge gewahr zu sein, die für den eigenen, ähem, Seelenzustand elementar sind.
Ärmlicher noch sieht es mit dem Verhältnis zu den Dingen aus, auf denen die Beziehung fußt. Und ohne die mein Zustand des Glücklichseins ungleich schwerer zu erreichen wäre. Beispiels- und glücklicherweise habe ich - über meine Beziehung hinaus - eine intakte Familie, die sich im Großen und Ganzen miteinander versteht, ich habe außerdem intakte Beziehungen zu anderen Menschen, Freunden, ein “vernünftiges soziales Umfeld” wie man womöglich sagen würde, einen mehr oder eher minder einträglichen Job oder derer mehrere, die mich ausfüllen - und zwar nicht zeitlich, sondern mental und emotional. Ich bin, so hoffe ich zumindest, körperlich und geistig gesund, und lebe zu allem Überfluss auch noch in einem Land, in dem das Wasser aus dem Hahn kommt, der Strom aus der Steckdose und Wärme, wenn man den Heizkörper andreht. Klingt verdammt privilegiert, nicht wahr? Sicher, ist es auch. Und trotzdem kein Garant, um am Ende behaupten zu können, glücklich zu sein.

Natürlich ist es schwer glücklich zu sein oder zu werden, wenn man als Kind missbraucht wurde, sein eigenes Kind gleich wie verloren hat, wenn man im Rollstuhl sitzt und nur den Kopf bewegen kann, oder man von allem und jedem fertig gemacht wurde und wird. Keine Frage. Ich bin mir nicht mal sicher, ob man in diesem oder jedem Fall überhaupt glücklich werden kann. Jemals. Was für eine unfassbar erschütternde Vorstellung.
Schwerer vorstellbar erscheint hingegen, dass die Menschen, die auf der anderen, der Sonnenseite des Lebens stehen, nicht automatisch so unglaublich übergalaktisch und immerewiglich derart glücklich sind, dass ihnen die Sonne buchstäblich und andauernd aus dem Arsch scheint. Und wie mir scheint, ist dem auch nicht so. Denn auch wenn ich natürlich nichts darüber sagen kann wie glücklich die Madonnas, Lindsay Lohans und Paris Hiltons dieser Welt (seltsam, dass mir nur Frauen in den Sinn kommen) jenseits der Hochglanzmagazine und Boulevard-Sendungen wirklich sind. Mit ihren Melonen auf dem Konto, ihren 1000-$-pro-Minute-Spezialisten, ihren zig tausend Freunden - bei denen womöglich sogar ein paar echte dabei sind - und ihren ausgefüllten, Himmel!, furchtbar ausgefüllten Leben. Glücklich, ich weiß nicht. Würde mir jetzt nicht als erster Begriff einfallen wollen. Weshalb diese Leute auch dazu neigen, in Scharen zu Scientology flüchten. Während andere $ 1.000 bezahlen für ein Flasche irgendeines obskuren Kabala-Wasser. Oder auch Shoppen gehen. Wahlweise in Nizza oder Shanghai. Oder - was mir im Moment ziemlich in Mode gekommen scheint - Blagen werfen, dass es kracht. Kalben bis der, ähem, Arzt kommt. Macht sich besser so ein Neverland-Ranch-großer Palast, wenn wenigstens in ein paar der geschätzten 1.000 Zimmer jemand sitzt und die Wände mit Knete beschmiert.
Aber zurück zum Thema. Was ich damit sagen will: Diese ganzen Dinge, dieser oberflächliche Schnickschnack (womit ich selbstredend nicht die Beziehungen zu anderen Menschen meine) ist kein Garant dafür glücklich zu sein. Offen gestanden sind die Menschen, die mir begegnet sind, und von denen ich behaupte, dass sie am glücklichsten waren, die, die - auf eine gewisse Art - am wenigsten besaßen. Und dabei will ich jetzt nicht mal über die Menschen in der Dritten Welt schwadronieren, die sich das Leben im Großen und Ganzen sicherlich leichter machen, als wir komplizierten, durchgestylten, um jeden Driss einen Aufriss machenden, verweichlichten mitteleuropäischen Halbgescheiten, die diesen Planeten mit ihren all so ruhmreichen Ideen ja immerhin ins Licht geführt haben.
Wir haben einen Film gesehen, meine Freundin und ich. Liebesfilm hieß der, von Maximilian Haslberger gedreht, den ich leider nicht im Netz gefunden habe (den Film, nicht den Haslberger). Jedenfalls ging es in diesem Dokumentarfilm um zwei Behinderte, die Frau hatte Down-Syndrom, der Mann war - verzeiht mir meine fachliche Unkenntnis - schlicht geistig behindert. Ein Mongo. Und ein Schwachkopf. Wer schon will mit solchen, ähem, Menschen etwas zu tun haben? Das Phantastische daran war, dass die beiden miteinander verheiratet waren. Ohne Scheiß. Haben zusammengelebt in einer kleinen Wohnung. Haben nen Job gehabt in einer Behindertenwerkstatt, wo sie Besteck sortiert haben, Gabeln zu Gabeln, Messer zu Messern, so was in der Art. Ziemlich öder Job, mag “unsereins” denken. Aber ich kann Euch sagen: Ich habe noch nie glücklichere, zufriedenere Menschen erlebt. Mit einer völlig intakten Beziehung. Mit Sex und allem Drum und Dran. Und auch wenn die beiden keine Kinder kriegen durften (was sie echt traurig gemacht hat), waren die beiden so mit sich im Reinen. Und glücklich und so weiter. Es war erschreckend. Wie weit wir alle von diesem Zustand entfernt sind - jedenfalls die Leute, die ich ein wenig besser kenne.
Was ich damit sagen will: Natürlich kann es sein, dass sich auch diese beiden Behindis irgendwann trennen. …und wenn sie nicht gestorben sind, auweia. So etwas gibt es leider - oder glücklicherweise ? - nur im Märchen. Glück selbst aber ist ein Zustand, den man sich verdienen muss. Wie das Eingangszitat wunderbar auf den Punkt bringt.
Kann sein, dass es einem leichter gemacht wird. Oder dass man es schwerer hat, glücklich zu werden. Aber weder das eine noch das andere sind Garanten dafür, dass man es schafft. Glücklich zu sein. Zu werden.
Leider - oder glücklicherweise ? - hat das Erreichen dieses Zustandes ziemlich wenig mit Arbeit zu tun. Sondern vielmehr damit, zu sein. Weshalb der Mönch in seiner Kemenate auf irgendeinem dämlichen Berg in Tibet mit Buttertee und ohne Heizung, Strom und Plasmabildschirm. Das mit dem Leben irgendwie besser verstanden hat. Als… Ach, Ihr wisst doch längst schon, was ich meine.
Was wirst Du heute tun, um glücklich zu sein…?